Die ersten Schüler ohne Werbung gewinnen
Mundpropaganda ist keine Strategie. Sie ist eine Folge.
Mein erster Schlagzeugschüler zahlte fünfzehn Euro pro Stunde und meldete sich über einen Zettel am Schwarzen Brett eines Musikgeschäfts in der Nähe. Das war vor zwanzig Jahren. Ich hatte keine Website, kein Instagram, kein Werbebudget. Ich hatte ein DIN-A4-Blatt mit Abreißstreifen am unteren Rand.
Dieser Schüler brachte seinen Bruder mit. Sein Bruder ging auf dieselbe Schule wie die Tochter einer Nachbarin, die auch spielen wollte. Innerhalb von vier Monaten hatte ich zehn Schüler, ohne einen Cent für Werbung ausgegeben zu haben.
So habe ich mir die Geschichte immer erzählt. Aber erst viel später habe ich gesehen, was da eigentlich passiert ist.
Der Zettel am Schwarzen Brett war nicht der Grund, warum sie kamen. Der Grund, warum sie blieben und andere schickten, lag in etwas, das schon in der ersten Stunde geschah. Dieser erste Schüler ging nach Hause mit dem Gefühl, etwas gelernt zu haben. Nicht vage „war ganz nett“, sondern konkret: Er hatte drei Stunden lang an einem einzigen Rhythmus geübt, und er konnte ihn. Genau dieses Gefühl hat er seinem Bruder erzählt.
Mundpropaganda wird behandelt wie etwas, worauf man wartet. Du machst deine Arbeit gut, dann spricht es sich von selbst herum. Das ist nur halb wahr. Sie verbreitet sich, aber nicht von selbst. Sie verbreitet sich nur, wenn es etwas zu erzählen gibt.
Die Frage ist also nicht, wie du mehr Sichtbarkeit kaufst. Die Frage ist: Nimmt ein Schüler nach den ersten drei Stunden bei dir etwas Konkretes mit nach Hause?
Ich habe Kollegen erlebt, die Werbung schalteten, gute Instagram-Seiten und schöne Studios hatten und trotzdem Mühe, ihre Schüler zu halten. Und ich kenne Kollegen ohne jede Online-Präsenz, die nie einen freien Platz haben. Der Unterschied lag nicht in der Erreichbarkeit, sondern darin, was über die bestehenden Schüler zurück in die Welt ging.
Wenn ich zurückschaue, wie ich in den ersten Jahren meinen Stundenplan gefüllt habe, gab es ein Muster, das immer wiederkehrte: Schüler, die nach dem Unterricht irgendwo hingingen. Ein Auftritt, eine Schulband, ein Jam-Abend. Nicht als Leistungsschau, sondern als soziales Ereignis. Diese Schüler redeten über ihren Unterricht, weil sie ihn für etwas Echtes gebraucht hatten. Und andere wollten wissen, wie sie das machten.
Das ist keine Strategie, die man plant. Aber du kannst sie erleichtern. Du kannst Schüler fragen, ob sie bei einem Auftritt etwas spielen. Du kannst die Bandprobe so gestalten, dass andere dabei sind. Du kannst den Eltern ein kurzes Video schicken, wenn ein Schüler etwas Neues gelernt hat.
Was du nicht planen kannst, ist das Gefühl, das ein Schüler mitnimmt. Das ist nach zwanzig Minuten bei dir da oder eben nicht. Und für dieses Gefühl gibt es kein Werbebudget.
Es gibt noch etwas, das ich erst spät verstanden habe. Die ersten Schüler, die über Mundpropaganda zu mir kamen, kamen nicht, weil sie mich gut fanden. Sie kamen, weil sie jemandem vertrauten, der sie geschickt hatte. Dieses Vertrauen gab es schon, bevor sie bei mir anklopften. Meine einzige Aufgabe war, es in der ersten Stunde nicht kaputtzumachen.
Das ist eine andere Art, über Schülergewinnung nachzudenken. Nicht: Wie mache ich mich attraktiv für Menschen, die mich nicht kennen? Sondern: Wie sorge ich dafür, dass Menschen, die mich kennen, das Gefühl haben, jemandem einen Gefallen zu tun, wenn sie ihn zu mir schicken?
Manchmal frage ich mich, ob es für eine Lehrkraft, die heute anfängt, anders ist als vor zwanzig Jahren. Der Kanal ist ein anderer – heute vielleicht WhatsApp-Gruppen oder lokale Facebook-Gruppen statt eines Schwarzen Bretts –, aber der Mechanismus ist derselbe. Die Frage lautet immer noch: Was geht nach einer Stunde bei dir zurück in die Welt?
Sie verbreitet sich nur, wenn es etwas zu erzählen gibt.